Evang.-Luth. Kirchengemeinde St. Johannis - Bayreuth

Taizéfahrt Pfingsten 2007 - Reisebericht von Selma Krug

Liebe Leserinnen und Leser, nehmen Sie sich jetzt doch mal einen (oder mehrere) Augenblick(e) Zeit, lehnen Sie sich zurück, brühen Sie sich noch ganz entspannt einen Kaffee auf und dann… dann begeben Sie sich auf eine spektakuläre Zeitreise, die Sie sogar in ein anderes Land führen wird. Na, Interesse? Schließen Sie ihre Augen und stellen Sie sich vor - es wäre heute der 28.05.07, 20:00 Uhr an der Bushaltestelle Sonnenstraße.
Sie wären (sind sowieso?!) ein Teenager und wollen jetzt mit ihren Freunden (das sind wir; eine Jugendgruppe von 40 Mann und Frau) voller Erwartungen und Sehnsüchten nach Taizé (eine Art Pilgerort und internationales Kloster nahe Lyon, in Frankreich) aufbrechen. Um möglichst schnell dem regnerischen und tristen Bayreuth zu entfliehen, werfen alle ihren kleinen Rucksack (oder Riesenkoffer - Sie müssen verstehen, Mädchen brauchen Auswahl) in den Bus und los geht's!

Stundenlang rattert unser Bus über die dunklen Autobahnen Deutschlands und Frankreichs, bis wir schließlich weiße Kühe entdecken: ein Zeichen, dass es nicht mehr weit sein kann. Aus dem Wunschtraum in Taizé auf Sonnenschein und sommerliche Hitze zu treffen, wird - nichts, denn als wir den Taizéberg hoch-schleichen, der Nachtfahrt endlich entronnen, erwartet uns eine Eiseskälte. An der offenen Bustür schlägt uns gleich eine Böe entgegen und an dem französischen Himmel ziehen schon finstere Wolken auf. Doch all das schreckt uns nicht ab, und wie alle anderen springen Sie aus dem Bus, um sich kurz danach in der Versöhnungskirche wiederzufinden. Mit den wunderschönen Taizéliedern werden wir von den anderen 2000 Jugendlichen willkommen geheißen. Für Sie, die Sie zum 1. Mal Taizé besuchen, ein unglaubliches Erlebnis. Natürlich sind Sie verwundert über die vielen Wiederholungen der Lieder, über den Bibeltext, da dieser in so vielen Sprachen vorgelesen wird und über die zehnminütige Stille. Nach dem ersten Gottesdienst reiht man sich in die langen Schlangen zum Frühstück ein. Anfangs haben Sie natürlich keine Ahnung, dass Sie, wenn Sie Tee wollen, sich bei Tee anstellen müssen und bekommen deshalb ein heißes Kakaogetränk in die Hand, dazu ein leckeres Brötchen, Butter, wie man Sie aus solchen Hotels kennt und ein längliches Schokoladenstück. Nach dem Frühstück schultern wir alle - halbwegs gesättigt - unser Gepäck und erreichen schließlich den sehr ruhig gelegenen Zeltplatz, auf den sich selten ein Nightguard (das sind die, die in der Nacht für Ruhe sorgen sollen) verirrt. Nachdem alle die verschiedensten Technikken ausprobiert haben, wie man denn so Zelte aufbaut, geht's auch schon wieder zum Mittagessen. Doch davor noch eine halbe Stunde zum Mittagsgottesdienst. Der nach dem gleichem Muster abläuft wie am Morgen, nur ohne Abendmahl. Von der behaglichen Musik und Atmosphäre schon ein bisschen voll im Magen, stellt man sich brav in die Massen vor der Mittagessens-Ausgabe. Mit Ihrer blauen Essensmarke ausgerüstet, stellen Sie sich dem nächsten Abenteuer. Was gibts heute? Krieg ich eine große Portion? Bekomm ich überhaupt noch was, oder wird dann in aller Eile für die Schlusslichter wie mich noch Packungskartoffelbrei zusammen gemischt? Doch keine Angst, nicht alle Befürchtungen erfüllen sich immer! Das Essenausteilen ist sowieso das Beste: Mit der rießigen Schöpfkelle rein in den Kartoffelbrei, raus uuuund flatsch auf den Teller!!!

Nach etwas Ausruhen am ersten Tag erscheinen Sie am Abend um 19:00Uhr wieder in der Kirche und stimmen in die Lieder mit ein. Vielleicht haben Sie ja so eine glockenhelle Stimme, dass alle 18-jährigen Mädchen neben Ihnen sitzen wollen?! Wer weiß… nach dem Abendessen schlendern Sie im Pulk der Jugendlichen zum Oyak, das ist ein Platz an dem man sich Getränke, Pizza oder die heißgeliebte heiße Schokolade kaufen kann. Wenn Sie es denn schaffen, den Plastikbecher nicht zu verschütten, geht's unter eine große weiße Plane. Mehrere Jugendliche mit Gitarren haben sich eingefunden und dann werden die alten Kamellen aus dem Schrank geholt. Wenn Sie von den Klassiker- / Kult- (ärzte…) / Pfadfinder- u. Zeltlagergesängen genug haben, gehen Sie am besten wieder zu den Taizé-Gesängen über, indem Sie noch einmal die Kirche mit einem Besuch beehren und einige Stunden ihre Stimmbänder Sport treiben lassen. Später dann im Schlafsack versuchen Sie sich ein paar Stündchen auf's Ohr (oder Bauch, auch Rücken wäre logisch) zu legen. In aller Herrgottsfrühe triezt der Pfarrer Sie, jetzt auch ja aufzustehen. Nachdem Sie die Duschen erkundet haben (die kann man so erklären "mal kalt, mal heiß, wer weiß?"), überlassen Sie sich dem Morgenritual in der Kirche. Nach dem Frühstück lernen Sie ein neues taizéisches Merkmal kennen: Die Gesprächsgruppen. Wir alle laufen zu einem Zelt, wo Bruder Timothé die Jugendlichen willkommen heißt. In Kurzform erklärt er uns das heutige Thema und danach beginnt die Aufteilung der Bayreuther, da die anderen schon am Tag davor angereist sind und bereits Gruppen gebildet haben. In den Gruppen diskutiert man feuchtfröhlich mit den neuen Bekannten über biblische Themen (Versuchungen, ...) und hat (das kommt auch auf die Gruppenleiter/-leute an) einen Heidenspaß. Am Nachmittag muss man dann irgendeine Arbeit verrichten. Die Straße kehren beispielsweise oder Röste vor den Schlafbaracken schrubben … doch der andauernde Regen nimmt einem die meiste Schufterei ab, ein einziges Pro für das schreckliche Wetter. Die die der Arbeit entkommen sind, studieren Theaterstücke ein. Obwohl … das ist auch Arbeit. Aber eine spaßige.

Die Tage ähneln sich und trotzdem sieht man niemanden in der Ecke sich langweilen. Ein Highlight bildet der Freitagabend. In dem abendlichen Gottesdienst, nimmt der Leiter Taizés, Bruder Alois, Kinder an seine Hände und gemeinsam mit diesen holen sie das große Holzkreuz von der Wand, um es in der Mitte der Kirche auf den Boden zu legen. Alle, die sich angesprochen fühlen, erheben sich und nähern sich dem Kreuz. Doch diesen Weg haben auch Hunderte andere vor sich. Auf Knien bewegen sie sich nun singend, betend, nachdenkend dem Kreuz entgegen. Dieser Weg wird Ihnen für immer in Erinnerung bleiben - Ihr persönlicher Weg zum Kreuz, die Gemeinschaft Taizés in sich spürend! Am Kreuz angelangt, warten Sie, bis einer der Plätze um das Kreuz herum frei wird. Die Pilger berühren mit ihrer Stirn die Kreuz-Ikone, werfen Ihre Sünden und Sorgen auf ihn. Im Hintergrung die vielen Gleichgesinnten, die Atmosphäre schaffen, im Vordergrund Sie und Jesus. Manche sind zu Tränen gerührt. Dieses Ereignis bewegt jeden, der es durchlebt! Nach diesem besonderen Erlebnis innerer Schönheit singen manche noch bis 4 Uhr früh wie an die Kirche gebunden. Die Brüder sind dann längst gegangen, doch die Kirche ist immer offen.

Auch der Samstagabend ist ein Höhepunkt dieser Woche in Taizé! Wenn Sie die Kirche betreten, werden Kerzen verteilt, die später eine große Rolle spielen werden. In der Mitte des Gottesdienstes holen sich die Kinder zusammen mit den Brüdern Licht von der Osterkerze. In den ersten Reihen wandern sie zwischen den am Boden Sitzenden herum und geben das Licht weiter. Auch Sie bekommen ein Licht geschenkt, sind Teil dieses Lichtermeeres und spüren das Licht des Friedens und der Liebe, des Licht der Gemeinschaft und der Freiheit!

Innerlich müssen Sie sich schon auf den Abschied vorbereiten, doch Ihr Herz will eigentlich bleiben … mit dem Taizékreuz um dem Hals, als bleibende, handfeste Erinnerung ausgerüstet, rattert der Bus dann auch wieder los. Und die kleinen Rucksäcke (oder auch Riesenkoffer) platzen aus allen Nähten, schließlich müssen die tausend Begegnungen, Erlebnisse, Erinnerungen irgendwo Platz finden.

… ist die Kaffeetasse jetzt leer? Haben Sie in den August / September 2007 zurückgefunden? Wie fanden Sie Ihre Zeitreise? … Auf jeden Fall können Sie jetzt wieder mit dem Alltag fortfahren. Vielleicht bleibt Ihnen ja der Gedanke, dass es mit Taizé einen Ort gibt, an dem man sich ganz entspannen und Kraft tanken kann.

Selma Krug



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